Hast du das Gefühl, nicht so viel wie andere Menschen in deinem Alter erreicht zu haben? Glaubst du, den eigenen Zielen nicht gerecht zu werden? Ganz gleich in welchem Bereich des Lebens, sei es Beziehung, Karriere, Gesundheit oder was auch immer für dich zählen mag – andere Menschen scheinen das Leben einfach besser verstanden zu haben. Dieses Gefühl zurückzubleiben, durchlaufen die meisten Menschen mindestens einmal in ihrem Leben, jeder auf seine eigene Art und Weise. Besonders häufig ist dieses Phänomen in der Übergangsphase zwischen Jugend und Erwachsensein zu beobachten, wenngleich es sich durch alle Altersklassen zieht.

Der Drang, sich mit anderen Menschen zu vergleichen, ist einmal per se nichts Schlechtes. Das lässt sich recht anschaulich an einem Beispiel darstellen. Ein Bauer hat ein Feld mit Kartoffeln. Es ist so groß wie das Feld seines Nachbarn, der ebenfalls Kartoffeln anpflanzt. Als sie jedoch im September ihre Ernte einfahren, ist der Erfolg des Nachbars um ein Vielfaches höher. Natürlich muss sich der Bauer nun fragen, was er anders gemacht hat, schließlich geht es hierbei um seine Existenz. In gewisser Weise ist der Drang, sich mit seinem Nachbarn zu vergleichen, durchaus überlebensnotwendig

Druck in der Leistungsgesellschaft 

Das Problem ist, dass wir uns heute nicht mehr nur mit unserem Nachbarn vergleichen. Da wären die grundlegenden Werte in einer Leistungsgesellschaft wie Deutschland. Dieser meiner Meinung nach beinahe krankhafte Wahn nach Vergleich und Konkurrenzdenken wird bereits früh durch die Benotungen in der Grundschule gefördert. Spätestens ab der vierten Klasse geht dann der wahre Zirkus los: Auf welche Schule sollen die Kinder gehen? Hauptschule, Realschule oder Gymnasium? Hinzu kommen in manchen Fällen hysterische Eltern, die beinahe exzessiv versuchen, das „Beste“ aus ihrem Nachwuchs herauszuholen – wohlgemerkt sind die Kinder zu diesem Zeitpunkt um die zehn Jahre alt. Im späteren Leben zeichnet der Konsens einer Leistungsgesellschaft das Bild von 30-Jährigen, die nicht nur ihren beruflichen Pfad eingeschlagen, sondern im besten Fall bereits ein paar Beförderungen hinter sich haben. 

Druck durch die Medien

Aber der Beruf ist bekanntermaßen nicht alles, deshalb ein anderes Beispiel: Die Filmindustrie, speziell Hollywood, trägt trotz kleiner Verbesserungen immer noch eine rosarote Brille der Extraklasse, wenn man sich die Darstellung von Beziehungen genauer ansieht. (Mehr zu diesem Thema findet ihr auch in unserem Artikel „Hollywood-Opfer: Warum deine Beziehungen scheitern). Ob bewusst oder unterbewusst, erzeugt die romantisierte Darstellung von Beziehungennicht nur unrealistische Erwartungen, sondern setzt auch unter Druck. Du bist 20 und hattest noch nicht dein erstes Mal? Du hast mit 30 Jahren noch nicht geheiratet? Ist ja schrecklich! Gerade in Zeiten, in denen soziale Kontakte für über ein Jahr massiv heruntergefahren werden mussten, waren Produktionen von Hollywood, Netflix und Co. für viele das Fenster zur Welt – ein Fenster, welches den Kontrast zwischen Fiktion und Realität verschärft. 

Es gibt noch unzählige weitere Punkte, die an dieser Stelle angeführt werden könnten. Sendungen wie „Too Hot To Handle“ oder GNTM zeichnen ein Bild von Frauen, das nicht nur sexistisch, sondern auch beinahe krankhaft ist. Bei der Staffel von GNTM 2021 ist zwar ein Mädchen mit normaler Körperform dabei, beinahe in jeder Sendung werden die Zuschauer aber daran erinnert, dass sie ja ein „Curvey-Model“ sei. 

Mit der Annäherung an die magische Altersgrenze von 30 Jahren kommen insbesondere bei Frauen immer mehr Nachfragen, was eigentlich die Familienplanung mache. Eine junge Frau, die keine Kinder möchte? Das ändert sich doch bestimmt noch! 

Man kommt natürlich nicht umhin, die Auswirkungen von sozialen Medien in einem solchen Artikel zu thematisieren. Auch wenn sich das Denken und das Bewusstsein langsam durch Aktionen wie beispielsweise Ugly-Face-Challenges ändert, so posten Nutzer meist überwiegend die schönen Seiten ihres Lebens. Dadurch entsteht ein sogenanntes „Highlight-Reel“, durch welches der Eindruck erweckt wird, dass andere Menschen nur schöne Momente im Leben hätten. Eng damit verbunden ist die „Fear of Missing Out“, die Angst, etwas zu verpassen. 

Das Bild des „perfekten“ Lebens

Kurz gesagt, wir vergleichen uns mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit – kontinuierlich und global. Wenn wir fühlen, als wären wir im Leben nicht so weit wie andere, womit vergleichen wir uns dann aber eigentlich? Entweder beziehen wir innere Werte auf das äußere Darstellungsbild eines Menschen, was im Grundgedanken schon gar nicht funktionieren kann. Oder fast schon fatal, aber nachvollziehbar, wir basteln uns aus allen Eindrücken, die wir von Social Media, Hollywood und Co., unserem Umfeld etc. aufnehmen, das Bild eines „perfekten“ Lebens bzw. eines „perfekten“ Menschen. Beides ist rein rational betrachtet einfach nicht valide. Das Gefühl, im Leben zurückgeblieben zu sein, ist also verständlich, aber eine Lüge. Es gibt nicht so etwas, wie im Leben zurückzubleiben. Man muss akzeptieren, dass man das Leben nicht kontrollieren kann. Man kann nicht einen Zehnjahresplan aufstellen und mit voller Gewissheit sagen, dass er funktioniert. Alles, was man selbst machen kann, ist, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Das ist erst einmal nicht einfach und ein reichlich banaler Tipp, in dem aber viel Wahrheit steckt. 

Probieren statt planen

Dass man nicht zu hart mit sich ins Gericht gehen sollte und anstatt einen „Lebensplan“ aufzustellen, man wieder mehr ausprobieren sollte, zeigt auch der TEDx-Talk von Bestseller-Autor und Reporter David Epstein. In seiner Rede bettet er eine auf Studien basierende Grafik ein. Sie stellt englische und schottische Studenten gegenüber. Während sich in England die Studierenden bereits früh auf bestimmte Kurse spezialisieren müssen, können die Studenten aus Schottland auch während ihres Studiums immer neue Richtungen ausprobieren. Seine Frage: Wer hat auf lange Sicht gemessen am Gehalt den größten Erfolg? Die englischen Studierenden starteten mit Wissen in einem speziellen Bereich ihren beruflichen Werdegang und verdienten aufgrund dessen die ersten sechs Jahre mehr. Doch nach diesen sechs Jahren war das Gehalt der schottischen Studenten höher. Sie hatten nicht nur die Möglichkeit, sich breiter aufzustellen, sondern auch mehr Versuche, den passenden Job zu finden. So waren sie vor allem auf lange Sicht in ihrem Beruf beharrlicher und ausdauernder. 

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